Parallelwelten des Möglichen

Text von Roland Nachtigäller

Nándor Angstenberger ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Weltenbauer. Seine fragilen Konstruktionen aus Tausenden kleinster Kunststoffteile, aus Styropor und Pappe entwerfen ebenso wie seine kleinteiligen Papiercollagen visionäre Wohn-, Lebens- und Landschaftszusammenhänge, die zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen rückblickendem Zitat und frei schwebender Utopie eine kaum lokalisierbare Zwischenwelt beschreiben. Seine Konstruktionen sind weder Modelle für Etwas noch Modelle von Etwas. Vielmehr entwickeln sie nur schwer beschreibbare visuelle Labyrinthe aus einer Fülle von gefundenen Materialien, die sich selbst bei genauerem Hinsehen noch zu immer wieder neuen Vorstellungswelten aus Treppen und Gängen, Räumen und Durchblicken, Balkonen und Gerüsten zusammenfügen.

Geboren 1970 in Novi Sad, das heute zu Serbien gehört, besitzt Nándor Angstenberger sowohl die deutsche wie auch die ungarische Staatsangehörigkeit. Von 1992 bis 1999 studierte er freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg unter anderem bei Bogomir Ecker. Seit seinem Diplom mit Auszeichnung lebt er in Berlin und erhielt im Anschluss mehrere Förderungen, so beispielsweise das Stipendium für die Künstlerhäuser Worpswede (2007) oder den Kunstpreis der Stadt Friedrichshafen (2003).

„Favoritensterben“ lautet der Titel einer der jüngsten Werkgruppen von Nándor Angstenberger, die sein Arsenal der Formen, Materialien und Welten zu einer großen Fragen nach den Vor- und Nachbildern zusammenzieht. Der „Favorit“ war schon etwas aus der Mode gekommen – lieber sprach man von Helden, Stars und Hoffnungsträgern – bevor er mit dem Siegeszug des Internets im Umfeld der Browser wieder stärker ins allgemeine Bewusstsein zurückkehrte: Hier führt er nun ein umtriebiges Leben als Bezeichnung für die individuell gesammelten Links auf interessante oder zumindest noch ein weiteres Mal zu besuchende Webseiten. In der elektronischen Welt der Verweise und Informationsverknüpfungen tritt der Favorit auch nicht mehr als singuläres Phänomen mit herausragender Bedeutung in Erscheinung, sondern als größere Menge in der nahezu endlosen Masse möglicher Referenzen und Empfehlungen, privater oder öffentlicher Natur, deren Aktualität und Relevanz schon im nächsten Augenblick wieder in Frage gestellt zu sein scheint. Was also beschreibt das Favoritensterben zwischen Heldensturz und Computercrash, zwischen Hype und Vergessen, Hoffnung und Enttäuschung?

Das Eis zumindest ist dünn, auf dem sich der Favorit bewegt, und in diesem Werkkomplex auftauchende Titel wie „Eryx“ (von Herakles getöteter Sohn der Aphrodite, nach dem der Berg mit dem ihr geweihten Heiligtum benannt wurde), „Geister“ oder „Hommage“ spiegeln bereits die Ambivalenz seiner Existenz zwischen Triumph und Untergang. Dabei nehmen Angstenbergers Arbeiten ihren Ausgangspunkt mitten im gesellschaftlichen Kontext. So entstand beispielsweise die Installation „Bis ans Ende der Welt“ für das Museum Marta Herford als Reaktion auf Angstenbergers Begegnung mit einer hoch auf einem ungenutzten Möbellager errichteten, namenlosen weißen Villa in Buenos Aires, die des Nachts taghell angestrahlt wurde und ein absurdes Bild unzugänglicher Wohnlichkeit in die Stadt projizierte. Auf elf Säulen errichtete er eine Stadt, die teilweise über den Köpfen der Betrachter und durch Brücken und Rampen verbunden Architekturen der Nachkriegsmoderne zitiert, mit arabischen, fernöstlichen und märchenhaften Bauformen kreuzt und sich in eine vielfältige gebrochene Lebenswelt zwischen großartiger Vision und banaler Materialansammlung verzweigt.

Auch „Favoritensterben“, erstmalig 2009 für The Coop Galerie auf Rügen installiert, entwickelt ihr Bezugsgeflecht zwischen Zitat und Projektion. Wieder werden vertraute architektonische Muster und Referenzen zu einem ganz eigenen Kosmos zusammengezogen, dessen bildliche Verführungskraft nur anfänglich darüber hinwegtäuscht, dass hier auch ein gesellschaftlicher Diskurs verhandelt wird. Es geht Nándor Angstenberger um Ideen und Lebenskonzepte, Vorbilder und Fehlentwicklungen, um die Befragung auch der eigenen Künstlerrolle zwischen individuellem Ausdruckswillen und kontextueller Vernetzung. So liefert beispielsweise „Hommage“ einen konkreten Bezug zu Andy Warhol (für den Künstler durchaus eine Art Idol) und dessen Siebdruck „Shadows II“ von 1979, den Angstenberger formal teilweise paraphrasiert. Allerdings konterkariert er die industrielle, vervielfältigende Produktionsweise des Pop-Artisten durch eine gezielte Entschleunigung im Herstellungsprozess mit Papierfetzen und Stecknadeln, währende die Banalität und Beiläufigkeit der Materialwahl durchaus dem Warholschen Gestus folgt. Das Vorbild also lebt zwischen Bewunderung und Abgrenzung, bietet Orientierung in mehrere Richtungen und fordert die individuelle Positionierung geradezu heraus.

Bemerkenswert aber ist, wie Angstenberger seine solcherart motivierten Modelle, Collagen und Materialansammlungen im Ausstellungsraum mit linearen Netzwerken und farbigen Wandgestaltungen zwischen Boden, Wand und Decke zu beziehungsreichen und den Reflexionsprozess in Gang haltenden Rauminstallationen verdichtet. Damit reagiert er nicht nur auf die vorhandene Architektur, sondern zieht die unterschiedlichen Werke auch zu einem kompakten und sich gegenseitig kommentierenden Ganzen zusammen.

Nándor Angstenbergers jüngste Arbeiten lösen sich nun weiter aus den konkreten baulichen Zusammenhängen und wenden sich stärker dem Material selbst zu. Schlossen seine aus Plastikbechern, -stäbchen und -verschlüssen verspielt zusammengesetzten Parallelwelten immer auch einen ironischen Kommentar auf die Oberflächlichkeit des Werbe- und Konsumkreislaufs mit ein, so entstehen nun fragile Lager potentielle Baumaterialien, die sich selbst zu eher abstrakten, in ihren Schichtungen aber wieder hoch komplexen Bauwerken entwickeln. Regal- und Stapelsysteme, labile Lehn- und Stützverhältnisse, Ansammlungen, Bündelungen und Systematisierungen organisieren einen kaum überschaubaren Fundus aus Papier- und Plastikfundstücken zu einem vielgestaltigen und nun auch bunter werdenden Kosmos möglicher Bauten. Damit rückt der Künstler das utopische Element seiner Konstruktionen noch weiter in die Ferne und beschreibt eher ein Potential der Formen und Verbindungen, das aber vom Betrachter selbst noch zu entwickeln ist. Diese Materialarchive sind ebenso verspielte wie hoch komplexe Strukturen, die ihrerseits ein eigenes konstruktives System etablieren und sich zu neuen, abenteuerlichen Bauwerken des Möglichen verbinden.

Quelle: Nándor Angstenberger : [anlässlich der Ausstellung Otto-Dix-Preis 2010. Junge Deutsche Gegenwartskunst, Kunstsammlung Gera – Orangerie, 06/10 bis 28/11/2010] / [Kunstsammlung Gera. Hrsg. von: Holger Peter Saupe. Autor: Roland Nachtigäller. Übers. ins Engl.: Katherine Lewald]